Spielanleitungen

An den vergangenen Märkten haben wir unter anderm Gesellschaftsspiele aus lange vergangen Epochen feilgeboten. Unterstehend könnte ihr die Spiel mit samt den Regeln ausprobieren (Gerade die Anzeige der möglichen Züge kann für Anfänger den Einstieg erheblich vereinfachen).

Hnefatafl – Schach für Wikinger (mit mehr Äxten)

Du lebst als Wikinger im 9. Jahrhundert und hast gerade ein Kloster geplündert, und jetzt sitzt du in deiner Langhalle fest, weil draußen ein Schneesturm tobt. Was machst du? Du holst dein Hnefatafl-Brett heraus – das Strategiespiel für Leute, die asymmetrische Kriegsführung lieben!

Hnefatafl (altnordisch für „König-Tafel“ oder „Faust-Tafel“ – die Linguisten streiten sich noch) war DAS Brettspiel der Wikinger und anderer germanischer Völker. Anders als bei Schach oder den römischen Spielen waren die beiden Seiten hier komplett unterschiedlich: Ein Spieler hatte den König und wenige Verteidiger in der Mitte des Bretts, der andere eine Übermacht an Angreifern am Rand.

Das Spiel war so beliebt, dass die Wikinger es auf ihre Raubzüge mitnahmen. Archäologen haben Hnefatafl-Bretter von Island bis zur Ukraine gefunden. Manche Steine waren aus Walknochen geschnitzt, andere aus Bernstein. Es gab sogar tragbare Reise-Editionen mit Löchern im Brett, damit die Steine auf hoher See nicht wegrollten.

Die Regeln? Nun, hier wird’s interessant: Verschiedene Regionen hatten verschiedene Varianten! Es gab Tablut (die sámische Version), Brandubh (irisch), Tawlbwrdd (walisisch) – jeder hatte seine eigene Special Edition. Die Grundidee war aber immer: Der König muss entkommen, die Angreifer müssen ihn einkesseln.

Das Traurige? Als Schach im Mittelalter populär wurde, verschwand Hnefatafl fast völlig. Die Wikinger wurden christianisiert, sesshaft und vergaßen ihr eigenes episches Strategiespiel. Erst im 18. Jahrhundert fand man alte Texte mit Regelbeschreibungen, und heute kann man es wieder spielen – Odin sei Dank!

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Shahr-i-Sokhta – Das Spiel aus der „Verbrannten Stadt“

Was spielt man im Jahr 2800 v. Chr. im heutigen Iran, an einem Ort namens „Verbrannte Stadt“ (was schon mal kein gutes Omen ist) als Ablenkung vom ganzen Weltuntergangs-Vibe. Natürlich das Shahr-i-Sokhta-Spiel – benannt nach dem archäologischen Fundort, weil niemand mehr weiß, wie die Leute es damals nannten!

1977 machten Archäologen in den Ruinen von Shahr-i-Sokhta (im Osten des heutigen Iran) einen spektakulären Fund: Ein 4.800 Jahre altes Brettspiel aus Ebenholz, komplett mit 60 Spielsteinen und würfelartigen Tetraedern aus Achat! Das ist wie die Deluxe-Edition mit Bling-Bling – diese Leute nahmen ihr Gaming ernst.

Das Brett hatte eine Schlangenform mit 20 Feldern, die sich in Spiralen wanden. Manche Felder waren mit Türkis eingelegt – vermutlich die „Premium-Felder“ der Bronzezeit. Die Würfel waren vierseitig (Tetraeder), was bedeutet: Diese Leute waren mathematisch so drauf, dass sie nicht mal klassische sechsseitige Würfel brauchten!

Das wirklich Faszinierende? Das Spiel wurde im Grab einer jungen Frau gefunden, zusammen mit kunstvollem Schmuck. War sie eine Meisterspielerin? Eine Priesterin? Eine Gaming-Influencerin der Antike? Wir werden es nie erfahren, aber sie war definitiv wichtig genug, um mit ihrem Premium-Spielset bestattet zu werden.

Und natürlich – das kennen wir ja schon – die genauen Regeln? Völlig unbekannt! Die Archäologen haben nur spekuliert, dass es ein Rennspiel war. Die Leute von Shahr-i-Sokhta nahmen das Geheimnis mit ins Grab.

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Senet (𓊃𓈖𓏏𓏛) – Das Brettspiel der Pharaonen

Angenommen du bist Tutanchamun und kommst von einem anstrengenden Tag auf der Baustelle einer deiner Pyramiden zurück uns willst dich etwas entspannen . Was machst du? Du holst dein Senet-Brett heraus – das Spiel, das so wichtig war, dass man es mit ins Grab nahm (buchstäblich!).

Senet ist vermutlich das älteste Brettspiel der Welt, das wir kennen – gespielt seit mindestens 3100 v. Chr.! Das bedeutet, die alten Ägypter zockten Senet, während anderswo auf der Welt die Leute noch überlegten, ob Rad oder Schrift cooler sind. Gespielt wurde auf einem Brett mit 30 Feldern (3×10), und man bewegte seine Spielsteine je nach Wurf von Stäbchen oder Knöchelchen.

Was als harmloses Gesellschaftsspiel begann, wurde im Laufe der Jahrhunderte zu etwas viel Tieferem: Die Ägypter glaubten, Senet sei eine Reise durch die Unterwelt! Jedes Feld symbolisierte eine Station auf dem Weg ins Jenseits. Feld 27 war das „Haus des Wassers“ (klingt entspannend), Feld 26 das „Haus der Wahrheit“ (weniger entspannend). Man spielte quasi sein eigenes Totengericht – nur mit mehr Spass!

Deshalb fand man Senet-Bretter in fast jedem bedeutenden Pharaonengrab, von Tutanchamun bis Nofretete. Die Botschaft war klar: „Ich will im Jenseits spielen können!“ Manche Bretter waren aus Ebenholz und Elfenbein – die damalige Luxus-Edition.

Und das Beste? Von Senet haben wir tatsächlich bildliche Darstellungen UND antike Texte, die Hinweise auf die Regeln geben! Historiker haben die Regeln rekonstruiert, und man kann es heute noch spielen. Endlich mal ein antikes Spiel, bei dem die Alten ihre Hausaufgaben gemacht haben!

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Petteia – Wenn griechische Philosophen nicht philosophieren

Petteia (πεττεία) war DAS Brettspiel der alten Griechen, lange bevor die Römer es kopierten und „Ludus Latrunculorum“ nannten. Gespielt wurde es auf einem quadratischen Brett mit Spielsteinen, die man geschickt manövrieren musste, um die gegnerischen Steine einzukesseln und vom Brett zu entfernen. Klingt simpel? War es nicht – sonst hätte Homer es nicht in der Odyssee erwähnt!

Die alten Griechen waren so verrückt nach diesem Spiel, dass selbst die großen Philosophen darüber schrieben. Platon nutzte es als Metapher für militärische Strategie, und Aristoteles… nun ja, der analysierte vermutlich die Logik hinter den Zügen. Typisch Griechen – selbst beim Spielen muss man intellektuell klingen.

Archäologen haben Spielbretter aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. gefunden, oft kunstvoll verziert. Manche vermuten, dass Petteia vom noch älteren ägyptischen Spiel Senat beeinflusst wurde – die Griechen waren schon immer gut darin, Ideen zu „adaptieren“ und dann zu behaupten, sie hätten sie erfunden.

Das Tragische? Auch hier: Keine vollständigen Regelwerke überliefert! Die Griechen waren zu beschäftigt damit, über das Spiel zu philosophieren, anstatt einfach mal aufzuschreiben, wie man es spielt. Danke, Sokrates.

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Ludus Latrunculorum – Das Schachbrett der Legionäre

Stell dir vor, es ist das Jahr 100 n. Chr., und du hast gerade Germanien erobert. Was machst du jetzt? Richtig – du spielst Ludus Latrunculorum, das Lieblingsspiel gelangweilter römischer Soldaten!

Dieses antike Brettspiel war sozusagen das „Stratego“ der Antike. Zwei Spieler stellten ihre Steine (genannt latrunculi – wörtlich „kleine Söldner“ oder „Räuber“) auf einem schachbrettartigen Feld auf und versuchten, die gegnerischen Steine durch Einkesseln zu schlagen. Kein Würfelglück, nur pure Taktik – perfekt für Leute, die tagsüber ohnehin Schlachtpläne schmieden mussten.

Die Römer waren so besessen von diesem Spiel, dass Spielbretter in Kasernen, Tavernen und sogar im Forum Romanum in Stein geritzt wurden. Manche Historiker glauben, dass es von einem noch älteren griechischen Spiel namens Petteiaabstammte – klassischer Fall von „Wir haben es nicht erfunden, aber wir haben es besser gemacht.“

Leider haben die Römer vergessen, uns die genauen Regeln aufzuschreiben (typisch!), also streiten sich Archäologen heute noch darüber, wie man es genau spielte. Eines ist sicher: Es war beliebter als die Wagenrennen im Circus Maximus – zumindest bei denen, die ihre Sesterzen nicht verwetten wollten.

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Liubo (六博) – Würfeln mit Konfuzius

Liubo (六博, „Sechs Stäbe“) war DAS Gesellschaftsspiel im alten China, so beliebt, dass man es sogar in Gräbern fand – damit die Verstorbenen im Jenseits nicht gelangweilt herumsitzen mussten. Gespielt wurde auf einem kunstvollen, meist L-förmigen oder kreuzförmigen Brett mit sechs Bambusstäbchen als Würfel (daher der Name) und Spielsteinen, die man je nach Wurf bewegte.

Das Spiel war so prestigeträchtig, dass es in der Han-Dynastie (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) zum absoluten Statussymbol der Elite wurde. Reiche Leute ließen sich mit ihren Liubo-Sets bestatten – aus Jade, Bronze, sogar Gold! Es war sozusagen das „Rolex-Äquivalent“ der antiken Brettspiele.

Die Regeln waren offenbar komplex genug, dass alte Texte von „strategischen Manövern“ und „taktischen Finessen“ sprechen. Manche Historiker glauben, es hatte kosmologische Bedeutung und symbolisierte den Kampf zwischen Yin und Yang. Die Chinesen konnten eben auch beim Spielen philosophisch werden – da standen sie den Griechen in nichts nach!

Das wirklich Ärgerliche? Um das 3. Jahrhundert n. Chr. verschwand Liubo plötzlich komplett und wurde von Go und Xiangqi verdrängt. Und natürlich – ihr ahnt es – die vollständigen Regeln? Verloren! Archäologen finden ständig prachtvolle Spielbretter, aber niemand weiß mehr genau, wie man damit spielt. Klassisch!

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